Wut

Meiner Ansicht nach gibt es zwei Arten von Leuten; es gibt eine Regel, nach der sich praktisch alle Menschen entweder der einen oder der anderen Gruppe zuordnen können. Die beiden Arten sind wie folgt: Menschen, die ihre Gefühle anderen gegenüber aussprechen können, und Menschen, die das nicht können.

Die Mitglieder der ersten Gruppe mögen sehr wohl Probleme in ihrem Leben haben, auch solche, die sie gar nicht oder nur mit Hilfe von außen lösen können. Aber es gibt ein Problem, das ausschließlich Menschen der zweiten Gruppe haben: Das Aufstauen hilfloser Wut über Probleme, die sich aufgrund ihrer Unfähigkeit zu kommunizieren ergeben, und ihre Wut auf sich selbst und diese Unfähigkeit.

Daraus entstehen zwei Verhaltensmuster, die meiner Meinung nach jedoch selten getrennt auftreten. Zum Einen fressen diese Leute ihre Wut in sich hinein, und zum Anderen lassen sie sie an Schwächeren aus.

Nehmen wir mich als Beispiel. Ich schaffe es oft nicht, einfachste Dinge in einem freundlichen Gespräch zu lösen; ich habe selbst vor dem Telefonieren unglaubliche Hemmungen und daraus ergeben sich natürlich Probleme. Ein eher mildes Beispiel dafür ist, dass ich oft Termine erst in letzter Sekunde absage oder ändere, weil ich erst dadurch dass ich in die Enge getrieben werde, den “Mut” aufbringe, Terminprobleme einzugestehen und darüber zu reden. Eher krasser ist schon, dass die Beziehung zu meiner Freundin einige von mir extrem ungewollte Wendungen erlebt hat, weil ich einfach nicht in der Lage war, meinen Standpunkt zu artikulieren oder gar zu vertreten, was mich zeitweise in schwere Depressionen gestürzt hat.
Ich versuchte oft, es allen recht zu machen oder nahm übermäßige Rücksicht auf andere, bis zur Selbstverleugnung. Später, wenn ich allein war, war ich dann unglaublich wütend auf mich, dass ich einfach nicht den Mumm gefunden habe, selbst zu einfachsten Fragen NEIN zu sagen. Ich glaube, in einem anderen Zusammenhang nennt man das auch “Helfersyndrom.”

Ich glaube, dass ich dadurch, dass ich diesen Teil meiner Persönlichkeit wahrgenommen und gezielt mit den Leuten, die mir am nächsten stehen (die Freundin, die besten Freunde, nicht mit den Eltern), darüber gesprochen habe, zumindest seinen Eindruck auf mein Leben entschieden reduziert habe. Auch dieses Blog hilft mir dabei, denn schriftlich, ohne Zeitdruck und in der scheinbaren Anonymität des Internets fällt es mir leichter, meine Gedanken auszudrücken. Ich lasse mich immer noch leichter herumschubsen als andere und ich bin immer noch nicht der charismatischste Typ der Stadt, aber ich verbiege mich nicht mehr, nur um anderen zu gefallen. Hoffe ich wenigstens.

Anders dagegen meine Mutter. Zuerst ein wenig völlig unzusammenhängend scheinende Hintergrundinformationen. Wir leben (leider noch zusammen) in einem Grundstück, dessen Einfahrt nur erreicht werden kann, indem man einige zehn Meter einen Privatweg hinunterfährt, der einem Bauern im Dorf gehört. Nun ist der ursprüngliche Besitzer, der meinen Eltern erlaubte, ihr Auto mitten in den Weg zu stellen und ihn völlig für sich zu benutzen, gestorben. Seine Erben hatten anderes vor, und wollten meine Eltern dazu bringen, sich eine völlig neue Einfahrt zur höher liegenden Straße zu bauen, die Unsummen verschlungen hätte. Nach einigen Keifereien und Klagenandrohungen sind sie davon abgewichen und nun herrscht eine Art eisiges Schweigen zwischen den Erben und meinen Eltern. Meine Eltern benutzen weiterhin die Einfahrt, um mit dem Auto ins Grundstück und wieder hinaus zu kommen, und die Bauern stellen immer wieder einmal einen Traktoranhänger oder einen Holzstapel mit Absicht so hin (auf ihr Grundstück), dass meine Eltern das nicht mehr können.

Soweit, so gut. Es gibt nun mal Arschlöcher, und jeder hat mal mit ihnen zu tun. Die richtige Lösung wäre nun meiner Ansicht nach zum Einen das Akzeptieren, dass der Weg nun Mal Privatbesitz ist und deswegen höchstens ein gewisser gewohnheitsrechtlicher Anspruch herrscht, und zum Anderen, das konsequente Suchen nach Kommunikation mit den Erben, entweder zum Finden einer Lösung oder um ihn wenigstens so lange zu nerven, bis er aufgibt. Oder was auch immer. Solange du das Ganze nicht als Angriff auf dich selbst siehst!

Nicht akzeptabel ist jedoch die Strategie meiner Mutter. Sie erwartet, ohne dies jedoch wirklich an- oder auszusprechen, dass mein Vater sich darum kümmert, dass die Situation auf magische Art und Weise besser wird. Da sie das nicht wird, und sie sich aber andererseits nicht traut, selbst etwas zu unternehmen, frisst sie alle Wut in sich hinein, genauso wie die ganze restliche Wut, die sich in ihr festfrisst, wenn sie sich unterbuttern lässt und Dinge sagt, die sie gar nicht sagen will.

Diese Wut lässt sie dann an ihren Kindern und ihrem Mann aus.

Heute bin ich zufällig von meinen eigentlich recht gut gelaunten Eltern bei meiner Freundin abgeholt und mit nach hause genommen worden. Auf dem Privatweg stand, gerade so dass man nicht mit dem Auto in unser Grundstück kann, ein Traktoranhänger.

Meine Mutter ist von Null auf Einhundertachtzig gekommen, in weniger als einer Sekunde. Hat ihren Mann angeschrien, dass er schuld sei, weil er nie etwas tue. Hat mich angeschrien, weil ich angeblich gegrinst hätte. Hat uns alle angeschrien, als wir die Einkäufe aus dem Auto geladen haben. Ich habe mich dann auf mein Zimmer verzogen. Wenn sie wütend ist, lässt sie diese Wut an jedem Familienmitglied aus, das ihr über den Weg läuft. Hauptsache nach außen bleibt der Schein einer intakten Familie gewahrt.

Als ich angefangen habe, das hier zu schreiben, hat gerade meine kleiner Schwester angefangen zu weinen, weil ihre Mutter sie gerade psychisch fertig macht. Wie wirkt das wohl auf ein zwölfjähriges Kind, wenn die Mutter sie anröhrt, die solle die Klappe halten, alles sei nur ihre Schuld? Wenn sie selbst dann nicht aufhört, wenn es zu weinen anfängt, “Mama, hör auf, ich hab Angst”?

Dann schreit sie wieder meine Brüder an, und ihren Mann. Jetzt ist wieder alles still. Was mache ich hier? Und ich frage mich, wohin wollte, wohin will ich eigentlich mit diesem Text? Soll ich das hier wirklich im Internet publizieren?

Ich will mit diesem Text analysieren, warum meine Mutter (und auch mein Vater, der beizeiten ähnlich reagiert) so reagiert. Und ich will diese Sache einem guten Freund erzählen. Oder mehreren. Inzwischen weiß ich, dass ich welche habe, und die meisten lesen das Wlog.


About this entry